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Effektive Konfliktlösung für kleine Teams ohne Hierarchien

Ein Leitfaden in fünf Schritten

Mit praktischen Übungen zur Teamentwicklung

Konflikte in kleinen Teams sind unvermeidlich, insbesondere wenn es keine klaren Hierarchien gibt. Doch Konflikte sind nicht nur hinderlich, sondern auch wertvolle Gelegenheiten für Wachstum und Veränderung. In diesem Leitfaden erfahren Sie, wie Sie in fünf klar strukturierten Schritten Konflikte in Teams von 2-8 Personen lösen können, in denen alle Mitglieder gleichwertig sind.


Warum Konfliktlösung in kleinen Teams so wichtig ist

In kleinen Teams treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Emotionen und Persönlichkeitstypen aufeinander. Ohne klare Hierarchien fehlt oft eine zentrale Entscheidungsinstanz, was Konfliktlösungen erschwert und in die Länge zieht. Häufig entstehen Missverständnisse über Verantwortlichkeiten und Rollenklarheit. Unausgesprochene Erwartungen und ungelöste Spannungen können die Zusammenarbeit belasten, die Effizienz des Teams mindern und das Teamgefühl sowie die persönliche Motivation beeinträchtigen.
Ein strukturierter Ansatz zur Konfliktlösung kann helfen, Spannungen abzubauen und eine konstruktive Teamatmosphäre zu schaffen. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie in fünf Schritten Bedürfnisse klären, gegenseitiges Verständnis fördern und konkrete Lösungen finden.


Die fünf Schritte zur Konfliktlösung in kleinen Teams ohne Hierarchien

1.    Eigene Bedürfnisse kennen
2.    Gegenseitige Stärken anerkennen
3.    Gegenseitige Ziele kennen und reflektieren
4.    Verhandeln
5.    Konkrete Schritte setzen


Schritt 1: Eigene Bedürfnisse erkennen

Der erste Schritt zur Konfliktlösung beginnt mit einer gründlichen persönlichen Vorbereitung.

Ziel ist es, sich über die eigenen Bedürfnisse und Ziele im Klaren zu werden.

Dies kann durch Einzel-Interviews der Teammitglieder durch eine außenstehende Person oder durch individuelle Reflexion erfolgen.


Wichtige Fragen zur Selbstreflexion:

  • Warum gibt es unser Team? Was hält uns zusammen?
  • Was soll nach dem Konflikt anders sein, sowohl individuell als auch im Team?

Um die zweite Frage zu beantworten hilft es, zuerst den Ist-Zusand zu refektieren:
Wie geht es mir jetzt und was soll nach dem Konflikt anders sein?
Wie geht es uns als Team jetzt und was soll nach der Konfliktlösung anders sein?

Schreiben Sie Ihre Erkenntnisse stichpunktartig auf einen Zettel – Ihren »Ziel-Spickzettel«. Dieser wird in späteren Schritten gebraucht.


Die komplette Übung mit der Anleitung zur Selbstreflexion zum Erkennen eigenener Bedürfnisse finden Sie in meinem weiterführenden Artikel:


Schritt 2: Gegenseitige Stärken anerkennen

Ein wichtiger Schritt zur Lösung von Konflikten ist es, sich auf die Stärken und positiven Eigenschaften der Teammitglieder zu besinnen. Dies klingt vielleicht ein wenig ungewöhnlich: Soll es nicht vorwiegend um die Lösung des Konfliktes gehen?
Die Praxis zeigt: Wenn Sie sich nach der eigenen Bedürfnis-Findung zunächst auf Ihre Stärken als Team und individuelle Stärken und Persönlichkeitsmerkmale fokussieren, fördert dies gegenseitigen Respekt und schafft eine positive Basis für die weitere Zusammenarbeit. Die herausfordernden Elemente im Konflikt können direkter und nachhaltiger angegangen werden, wenn Sie sich zu Beginn auf Ihre Stärken konzentrieren.

Wichtig: Für diese Übung braucht es das Commitment aller Team-Mitglieder den Konflikt gemeinsam lösen zu wollen. Sollte in Ihrem Team die Eskaltion soweit fortgeschritten sein, dass einzelne Teammitglieder versuchen, andere bloßzustellen oder zu diffamieren, sollten Sie einen externen Coach oder Mediator hinzuziehen.


Übung zur Anerkennung von Stärken:

  • Setzen Sie eine Person A (=Sender) und eine Person B (=Empfänger) Rücken an Rücken, sodass sie sich nicht direkt sehen können.
  • Die übrigen Teammitglieder beobachten die Körperreaktionen des Empfängers genau.
  • Der Sender spricht über den Empfänger und verwendet dabei immer die dritte Person, z.B. „Ich schätze Jan`s gutes Organisationstalent“.

Die Beobachter achten darauf, wie der Empfänger auf die positiven Aussagen reagiert, welche der Aussagen besonders überraschende Reaktionen hervorgerufen haben und reflektieren gemeinsam die Reaktionen.

Die Ergebnisse werden in individuellen »Stärken-Charts« zusammengefasst und sichtbar für alle an die Wand gehängt.

 

Reflektieren Sie zum Abschluss Gemeinsamkeiten und Unterschiede Ihres Teams anhand der erstellten Charts. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es?

Merke: Ein perfektes Team lebt immer von Gemeinsamkeiten UND Unterschieden.
Das gilt für erfolgreiche Bands genauso wie für berufliche und Führungsteams. Diese Übung stärkt das Bewusstsein für die individuellen Stärken und fördert ein positives Miteinander, das die Grundlage für eine erfolgreiche Konfliktlösung bildet.

 

Hinweis:
Führen Sie diese Übung mit allen Team-Mitgliedern durch. Achten Sie dabei auf gutes Zeitmanagement! Eine Runde sollte nicht länger als 5 Minuten dauern. Bei einem Team von 4 Personen sind dies 12 Lob-Runden, bis alle von allen Lob gehört haben.


Die komplette Übung zum Anerkennen gegenseitiger Stärken finden Sie in meinem weiterführenden Artikel:


Schritt 3: Gegenseitige Ziele kennen und reflektieren

Nun ist es an der Zeit, die individuellen Ziele im Team vorzustellen und gemeinsam zu besprechen. Dies ist entscheidend, um Missverständnisse zu vermeiden und Klarheit zu schaffen. Dabei hilft das 4-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun, die verschiedenen Aspekte einer Nachricht bewusst zu trennen.


Das 4-Ohren-Modell besagt, dass jede Nachricht vier Seiten hat:

  • Sach-Aspekt: Die Fakten, die vermittelt werden.
  • Beziehungs-Aspekt: Wie die Nachricht die Beziehung zwischen Sender und Empfänger beeinflusst.
  • Selbstoffenbarungs-Aspekt: Was der Sender über sich selbst preisgibt.
  • Appell-Aspekt: Was der Sender vom Empfänger möchte.

Dieses Modell ist nützlich, weil es hilft, die Kommunikation differenziert zu betrachten und dadurch Missverständnisse zu vermeiden.
Ein Beispiel: Ein Paar sitzt im Auto und er sagt zu ihr: »Schatz, hier sind 100 km/h erlaubt!«
Die Fahrerin könnte z.B. folgende 4 verschiedene Aspekte als Botschaft empfangen:

  • Sach-Aspekt: Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 100 km/h.
  • Beziehungs-Aspekt: »Ich fühle mich bevormundet, weil er mir sagt, wie schnell ich fahren darf.«
  • Selbstoffenbarungs-Aspekt: „Er achtet auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen.“
  • Appell-Aspekt: »Fahr schneller!« oder »Fahr langsamer!« (je nachdem wie schnell die Fahrerin im Moment der Nachricht unterwegs ist)

Übung: Ziele im Team vorstellen und reflektieren
Vorbereitung:
Nehmt euren „Ziel-Spickzettel“ aus Schritt 1 zur Hand, auf dem eure individuellen Ziele und Bedürfnisse festgehalten sind.

Präsentation der Ziele:
Die Person, die über ihre Ziele spricht, darf frei reden und muss keine Anleitung nach dem 4-Ohren-Modell beachten. Ehrlichkeit und Offenheit sind hier entscheidend.

Reflexion durch Zuhörer:
Die Zuhörer reflektieren das Gehörte mithilfe des 4-Ohren-Modells:
Fakten: Welche Fakten wurden vermittelt?
Beziehungs-Aspekt: Welche Emotionen wurden bei mir ausgelöst?
Selbstoffenbarungs-Aspekt: Was hat die sprechende Person über sich selbst preisgegeben?
Appell: Was wird von mir oder uns als Team erwartet?

Teilen der Beobachtungen:
Die Zuhörer notieren ihre Beobachtungen und teilen diese anschließend mit der sprechenden Person. Dies hilft, Missverständnisse zu klären und die wahre Bedeutung der Nachricht zu verstehen.

Vorteile der Übung
Diese Übung bietet mehrere Vorteile:

  • Erhöhte Empathie: Durch die Trennung der verschiedenen Aspekte einer Nachricht könnt ihr empathischer auf die sprechende Person eingehen.
  • Klarheit über Emotionen: Ihr werdet euch bewusst, welche Emotionen das Gesagte bei euch auslöst und könnt diese besser verstehen und einordnen.
  • Wertfreie Fakten: Die Fakten können unabhängig von emotionalen Reaktionen festgestellt werden.
  • Konkrete Appelle: Ihr könnt klare Aufrufe und Aufgaben identifizieren.

Das Vorstellen und Reflektieren der in Schritt 1 gefundenen Ziele hilft, Missverständnisse zu vermeiden und eine offene Kommunikation zu fördern. Indem ihr beim Reflektieren nicht nur auf Fakten und Aufträge, sondern besonders auf auftretende Gefühle achtet, schafft ihr eine tiefere Verbindung und Verständnis im Team.


Eine detaillierte Anleitung dieser Übung lesen Sie im weiterführenden Artikel:


Schritt 4: Verhandlung der Ziele

Nachdem alle Teammitglieder ihre Ziele vorgestellt haben, beginnt die Verhandlungsphase. Dieser Schritt ist entscheidend, um die individuellen Ziele zu diskutieren und eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit zu schaffen.


Schritte der Verhandlung:

1. Appelle sammeln:
Nach der Vorstellung der Ziele und Bedürfnisse durch die Teammitglieder werden alle geäußerten Appelle gesammelt. Jeder Appell stellt einen Wunsch oder eine Forderung dar, die ein Teammitglied an das Team oder an einzelne Personen richtet.

2. Umformulieren von Appellen:
Nicht alle Appelle sind sofort umsetzbar oder klar formuliert. Deshalb ist es wichtig, sie so umzuformulieren, dass sie realistisch und konkret sind. Ein Appell wie „Holt mich ab!“ könnte zum Beispiel in „Bezieht mich in die Entscheidungsprozesse ein“ umgewandelt werden. Diese Umformulierung schafft Klarheit darüber, was genau erwartet wird und wie dies umgesetzt werden kann.

3. Diskussion und Priorisierung:
In einer offenen Diskussion werden die umformulierten Appelle besprochen und priorisiert. Dies hilft, die wichtigsten und dringlichsten Bedürfnisse zu identifizieren und sicherzustellen, dass alle Teammitglieder sich gehört fühlen.

4. Umgang mit nicht annehmbaren Appellen:
Es gibt Appelle, die möglicherweise nicht umsetzbar oder für das Team nicht akzeptabel sind. Diese sollten offen und ehrlich diskutiert werden:
Identifizieren nicht annehmbarer Appelle: Prüfen Sie, welche Appelle realistisch sind und welche nicht in das Arbeitsumfeld oder die Teamstruktur passen.


5. Offene Diskussion:
Diskutieren Sie die Gründe, warum bestimmte Appelle nicht angenommen werden können. Diese Transparenz hilft, das Verständnis im Team zu fördern und alternative Lösungen zu finden.
Alternativen finden: Finden Sie gemeinsam alternative Wege, um die zugrunde liegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Zum Beispiel könnte der Wunsch nach „keiner Reisetätigkeit“ durch die Möglichkeit von Remote-Arbeit an bestimmten Tagen kompensiert werden.

Vorteile der Verhandlung:

  • Klarheit und Struktur: Durch das Umformulieren und Konkretisieren der Appelle wird klar, was erwartet wird und wie dies umgesetzt werden kann.
  • Verantwortlichkeit: Durch die Diskussion und Priorisierung der Appelle wird sichergestellt, dass die wichtigsten Bedürfnisse des Teams berücksichtigt werden.
  • Teamzusammenhalt: Die offene Diskussion und die gemeinsame Erarbeitung von Lösungen fördern den Zusammenhalt und das Vertrauen im Team.

Durch diese strukturierte Verhandlungsphase wandeln Sie individuelle Wünsche und Bedürfnisse in verständliche und priorisierte Appelle um, die das Team voranbringen und den Weg zu einer kooperativen Zusammenarbeit ebnen.


Für eine detaillierte Anleitung dieser Übung lesen Sie den weiterführenden Artikel:


Schritt 5: Konkrete Schritte setzen

Erarbeiten Sie konkrete Handlungsschritte, die jeder Einzelne und das Team als Ganzes unternehmen wird.
Beispielformulierungen:

  • In den nächsten Tagen/Wochen werde ich für mich folgendes tun: [...]
  • In den nächsten Tagen/Wochen wird das Team für mich folgendes tun: [...]
  • In den nächsten Tagen/Wochen werde ich für das Team folgendes tun: [...]
  • In den nächsten Tagen/Wochen wird das Team gemeinsam folgendes tun: [...]

Vereinbaren Sie ein Datum, an dem Sie die Fortschritte überprüfen und die nächsten Schritte planen.


Lesen Sie dazu auch meinen weiterführenden Artikel:


Zusammenfassung

Durch die strukturierte Vorgehensweise in fünf Schritten können kleine Teams effektiv Konflikte lösen und ihre Zusammenarbeit verbessern. Am Ende des Prozesses kennen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele sowie die der anderen Teammitglieder. Sie haben gegenseitige Stärken anerkannt, emotionale Reaktionen reflektiert und konkrete nächste Schritte festgelegt. Diese Herangehensweise fördert Empathie, Klarheit und eine konstruktive Teamatmosphäre.


Weiterführende Artikel in dieser Serie

Für detailliertere Anleitungen und praktische Tipps zu jedem der fünf Schritte, lesen Sie die folgenden Artikel in meiner Serie:

  1. Eigene Bedürfnisse erkennen und formulieren: Die Basis gelungener Konfliktlösung in Teams.
  2. Gegenseitige Stärken anerkennen: Der Schlüssel zu mehr Vertrauen und gegenseitigem Respekt im Team
  3. Gegenseitige Ziele kennen und reflektieren: Missverständnisse vermeiden und Klarheit schaffen.
  4. Ziele verhandeln: Vom Konflikt zur Kooperation.
  5. Konkrete Schritte setzen: Von der Theorie zur Praxis.

Nutzen Sie diese Artikel, um sich tiefer mit jedem Schritt auseinanderzusetzen und die Methoden direkt in Ihrem Team anzuwenden. So gelingt Ihnen die Konfliktlösung nachhaltig und effektiv.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Wünschen Sie sich Unterstützung bei der Konfliktlösung in Ihrem Team?

Ich unterstütze Sie auch darin, die Basis für eine gelungene Konfliktlösung in Form einer individuellen Bedürfnis-Analyse zu ermitteln!

Ihre Jana Symalzek